Autismus: Was ist das überhaupt?

Definition und Klassifizierung

 

Wäre das menschliche Gehirn ein Stromkreis, so wäre das Gehirn des Otto-Normalverbrauchers nach A-B-C-D verdrahtet, während jemand mit Autismus eine Verdrahtung nach A-D-C-B hätte. Das ist erst einmal weder besser noch schlechter als der Otto Normalo, sondern es ist einfach nur anders. Und wie Stromkreise trotz gemeinsamer Baupläne mit Sicherungen, Schaltern und Leitungen sehr komplex und verschieden werden können, so unterschiedlich kann sich auch Autismus äußern; nicht umsonst spricht man hier von einem Spektrum.

 

Grob gesagt äußert sich Autismus in Besonderheiten von Mimik, Gestik und Sprache. Betroffene haben Schwierigkeiten mit der sozialen Interaktion, ungewöhnlich ausgeprägte Interessen und Kenntnisse (der Autor dieses Artikels begeistert sich zum Beispiel für altgriechische und lateinische Grammatik und Grammatik generell), stereotypische Verhaltensweisen und Störungen der Sinneswahrnehmungen (zum Beispiel starkes Wahrnehmen von Gerüchen, Geräuschen oder visuellen Reizen).

 

 

Wie aber wird Autismus diagnostiziert? Dazu passt der Spruch:

 

"Ordnung ist das halbe Leben."

 

Eine Regel, die nicht nur für Kinder gilt, sondern auch für Ärzte, wenn sie Krankheiten diagnostizieren.

Damit Arzt A und Arzt B nicht aneinander vorbeireden, wenn sie Patient C untersuchen, bedienen sie sich einer gemeinsamen Fachsprache, der ICD (International Classification of Diseases).

 

Die ICD ist ein Diagnose-Schlüsel, bei der jeder Krankheit eine Zahl zugeordnet wird, so bedeutet J12 zum Beispiel Lungenentzündung.

 

 

Die erste Fassung der ICD wurde 1900 herausgegeben und erfasste bis zur sechsten Fassung nur Krankheiten, die als Todesursache galten. Seit Fassung Sieben wird sie von der WHO (World Health Organization) regelmäßig aktualisiert. Derzeit gilt die ICD-10, wobei Deutschland eine landesspezifische Klassifizierung verwendet. Jedes Ordnungssystem wird mit der Zeit überarbeitet, weil neue Erkenntnisse es notwendig machen.

 

 

 

Zum 1. Januar 2022 wird nun die ICD-11 in Kraft treten, welche die Unterteilung, die derzeit bei Autismus gilt (in Kanner-Autismus, Asperger-Autismus und Atypischer Autismus), aufheben und generell unter 'Autismus' zusammenfassen wird.

 

Das mag auf dem ersten Blick klug erscheinen, die drei großen Merkmale (Mimik, Gestik, Sprache) unter einem Wort zusammenzufassen, jedoch wird dabei in meinen Augen die Intelligenz nicht berücksichtigt.

 

Bei Kanner-Autismus wird zum Beispiel zwischen Low-Functioning Autism (geistige Behinderung) und High-Functioning Autism (normale Intelligenz) unterschieden, Atypischer Autismus ist Kanner-Autismus, bei dem einer der drei großen Merkmale erst verzögert eintritt, während bei Asperger Autismus normale bis sehr hohe Intelligenz vorhanden sein kann.

 

Autismus ist in Deutschland im Vergleich zu den USA noch relativ unbekannt und aufgrund des ICD-10 haben sich sehr viele Vereine und Gruppen auf eine Autismus-Art spezialisiert (zum Beispiel die Selbsthilfegruppe LQFA (Lebensqualität für Asperger) und können dort gezielt Hilfe leisten.

 

Eine Subsummierung unter 'Autismus' ist in meinen Augen ein Fehler.

Eine gute Lösung wäre es allerdings, beim ICD-11 unter einem länderspezifischen Klassifizierung weiterhin die Unterscheidung zwischen Kanner- und Asperger-Autismus zu treffen.

Damit wäre sowohl den Ärzten (immerhin rechnen sie damit mit den Krankenkassen ab) als auch den Betroffenen geholfen.

  

 

© Stephan Riedl