Stephan Riedl's Blog

Zu meiner Person:

 Ich heiße Stephan Riedl und bin selbst Asperger Autist.

Ich verfüge über eine Bäckerausbildung, eine Kaufmannsausbildung und ein Bachelor-Studium in Englisch und Deutsch.
Dazu kommt viel Lebenserfahrung, die ich dank Nachlässigkeit meiner Eltern erwerben konnte.

Zu meinen Spezialinteressen zählen:
- Alte Sprachen (Latein und Altgriechisch)
- Sprachen
- Geschichte (Antike und 2. Weltkrieg)
- Old School Calisthenics (speziell Paul Wade’s Ansatz)
- Biologie (Evolution, Mensch, Ernährung)
- Textbasiertes Online-Rollenspiel
 

 


Was Denkmodelle ausmachen können

 

Nachtrag zu „Inklusion und Klassische Philologie: Ein Erfahrungsbericht“

 

Gegen den Mythos des Zeitalters der Barmherzigkeit

 

 

Am 10. Juni 2021 um 18:00 Uhr hielt ich meinen Vortrag „Inklusion und Klassische Philologie: Ein Erfahrungsbericht“.

 

Im Nachgang fiel mir auf, was für eine Wirkung ein Denkmodell auf die Inklusion haben kann.


Für diejenigen, bei die meinem Vortrag nicht dabei waren: Dort stellte ich die unterschiedlichen Denkmodelle von Behinderung vor (in Klammern die Kurzzusammenfassung):

Das medizinische Modell (Behinderung ist Problem des Betroffenen)

Das soziale Modell (Behinderung ist Problem der Gesellschaft)

Das menschenrechtliche Modell (Verweigerung gleichberechtigter Teilhabe ist eine Menschenrechtsverletzung)

Das bio-psycho-soziale Modell (Behinderung ist nicht statisch, sondern dynamisch und entsteht in Wechselwirkung mit Gesellschaft, Umwelt und einem selbst)

 

Anschließend habe ich Texte und Beispiele aufgeführt, die gegen das Bild sprechen, in der Antike seien Menschen mit Behinderungen einfach getötet worden.

 

Der Text, der dieses falsche Bild erschafft, ist Plutarchs Lebensbeschreibung des Lykurg 16. Darin wird beschrieben, dass in Sparta der Ältestenrat die Neugeborenen untersuchte und schwächliche und missgestaltete aussortierte und aussetzen ließ.

 

Plutarch liefert in seiner Agesilaos-Biographie das Gegenargument. Agesilaos II. war König von Sparta, hinkte allerdings aufgrund von unterschiedlich langen Beinen. Plutarch schildert Agesilaos‘ Leben sehr plastisch, aber er lässt es offen für Interpretation, ob Agesilaos von Geburt an hinkte oder erst später aufgrund von Kampfverletzungen. Da der König von Sparta eine Körperbehinderung hatte, spricht das sehr gegen diese Praxis, ‚behinderte‘ Kinder damals auszusetzen.

 

Das Wort ‚behindert‘ wurde extra in Anführungszeichen gesetzt, weil das griechische Wort πεπηρωμένον (pepäromenon) treffender mit ‚verstümmelt‘ oder ‚missgebildet‘ übersetzt wird. Und es sollte auch weiterhin genau so übersetzt werden und nicht mit ‚behindert‘. Denn die Menschen in der Antike hatten nicht die Möglichkeiten von heute. Hippokrates von Kos prägte zwar die Terminologie, die Ärzte heute noch verwenden, nichtsdestoweniger gab es damals keine Antibiotika, keine Impfstoffe und körperliche Verschiedenheiten waren viel ausgeprägter. Viele Menschen hatten Klumpfüße oder Rachitis, Knochenbrüche konnten oft nicht richtig verheilen und da viele Kriege geführt wurden, konnte man auch Menschen mit fehlenden Gliedmaßen begegnen. Zwar gab es auch Adonisse, die den Statuen ähnelten, die wir heute noch bestaunen können, aber diese Adonisse waren eher die Ausnahme als die Regel.

 

 

Gern werden auch Platon und Aristoteles zitiert, die beide in ihren Politik-Schriften sich dafür aussprechen, Kinder auszusetzen. Man möge bedenken, dass beide staatsphilosophische Empfehlungen gegeben haben; daraus lässt sich schließen, dass es keine Praxis war, wenn die beiden größten Philosophen des Abendlandes es empfohlen haben.

 

Um die Übersetzung von πεπηρωμένον (pepäromenon) noch einmal aufzugreifen: Aristoteles hat ‚De Generatione Animalium‘ (Die Entstehung der Tiere) geschrieben und er geht darin auf die Zeugung ein. Dabei vergleicht er beim Menschen die Frau mit einem ‚missgestalteten Mann‘ und die Menstruation als unreinen Samen. Andere Übersetzungen machen aus der Frau auch einen ‚verkrüppelten Mann‘. Wie wäre ein Übersetzer zu bewerten, der in einer modernen Übersetzung aus der Frau einen ‚behinderten Mann‘ machen würde? Das wäre eine gute Frage für Feminist*innen.

 

Ich kann allen, die sich für das Thema interessieren, den Artikel von Fabian Dehmel ans Herz legen. Er kommt vor allem zu folgendem Schluss:

„Die beliebte Geschichte über die Aussetzung “behinderter” Babys in Athen oder Sparta sagt viel mehr über unsere Gesellschaft und ihre Wertvorstellungen aus, als über die griechische Gesellschaft in der Antike. “(1)

 

Diesem Zitat ist nichts hinzuzufügen. Wir Menschen mit Behinderung waren schon immer ein fester Teil der Gesellschaft und je eher diese Erkenntnis zur Norm wird, desto besser.

 

Zitat:

(1) https://autismus-kultur.de/autismus/geschichte/zeitalter-der-barmherzigkeit.html (abgerufen am 10.07.2021 um 15:20 Uhr)

 

 


Über ABA, Autismus und Menschlichkeit

" Was ist ABA überhaupt? Und was macht es mit Menschen mit Autismus? "

Um diese Frage zu klären, wird dieser Artikel Autismus, Norm und ABA definieren.


Kommentar: Gesund durch die Corona-Krise

53 Prozent! Über die Hälfte der Erwachsenen ist übergewichtig, mit steigender Tendenz wegen der Corona-Krise. Zumindest laut Medizinprofessor Rüdiger Reer, Leiter der Abteilung Sport- und Bewegungsmedizin an der Universität Hamburg und Generalsekretär des Deutschen Sportärztebundes DGSP, in der FAZ.

Ich selbst verfolge nicht nur die Gewichtsproblematik hier bei uns, sondern auch in Amerika, wo über 70% der Bevölkerung adipös ist, sondern ich bin auch von den 53% zu den 47% gewechselt.

Der Corona-Virus zwingt uns derzeit dazu, daheim zu bleiben. Da ist die Gefahr groß, dass wir durch zu wenig Bewegung und durch zu viel Essen schnell schwerer werden, bis der Alltag zurückkehrt. Übergewicht ist gefährlich und ein zunehmendes Problem unserer Gesellschaft, zumal es mit Krankheiten wie Diabetes Typ 2, Herz-Kreislauf-Beschwerden und Körperschäden korreliert.

Da ich einige Anfragen erhalten habe, werde ich kurz auf Training und Ernährung eingehen und drei Tipps geben, um fit durch die Corona-Krise zu kommen.

Training:

Den menschlichen Körper vergleiche ich gern mit einem Kraftwerk. Die Organe sind die Schaltzentralen und Unternehmer, die Muskeln sind die Glühbirnen und das Nervensystem ist der Stromkreis.

Ziel dieses Kraftwerks ist es, Licht zu erzeugen. Will ich mehr Licht erzeugen (also stärker werden), kann ich entweder größere Glühbirnen kaufen (das heißt Training, damit die Muskelfasern wachsen, also wenige Sätze mit vielen Wiederholungen, die die Muskeln erschöpfen) oder den Stromkreis besser verdrahten (also viele Sätze mit wenig Wiederholungen, so eine bis drei, möglichst frisch).

Anspannung kann dabei als der Strom gesehen werden, der durch den Körper fließt. Egal, was ich mit meinem Training erreichen will, es hängt vor allem davon ab, wie gut ich meine Muskeln kontrollieren kann. Und dass der Strom auch durch die richtigen Leitungen fließt und meine Gelenke nicht kaputt macht.

Natürlich sollte ich wissen: Was genau trainiere ich?

Training ist per definitionem etwas, was Regelmäßigkeit, Systematik und Nachhaltigkeit beinhaltet. Wenn ich gern Fußball spiele, werde ich für diese Sportart anders trainieren als jemand, der gern Schwimmen geht. Natürlich gibt es Überschneidungen, aber das Prinzip sollte klar sein.

Ein generelles Ziel in der jetzigen Situation kann sein, gesund durch die Corona-Krise zu kommen, und da bieten sich Ganzkörperübungen wie Liegestütze, Kniebeugen, Beinheben und Klimmzüge an. Diese Übungen reichen aus, um sich gesund zu halten, lassen sich praktisch überall ausführen und benötigen keine Ausrüstung (alles, was ich in den letzten zwei Jahren, seit ich trainiere, gekauft habe, sind ein Basketball, ein Tennisball und eine Klimmzugstange); ich muss bloß wissen, wie ich sie progressiv gestalte. Progression ist dabei das Zauberwort, denn wenn man etwas trainiert, sollte man stets versuchen, besser zu werden. Seien es die Anzahl an Wiederholungen, die bewusste Anspannung oder die Ausführung, es lässt sich immer was verbessern.

Natürlich muss jetzt nicht jeder Mensch einbeinige Kniebeugen ausführen können, aber die Grundübungen sollte man in meinen Augen schon drauf haben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass jeder Mensch Liegestütze an der Wand ausführen kann und die Hemmschwelle dafür relativ gering ist; bei Liegestützen an der Tischkante wird es schon ein bisschen schwieriger,

auf den Knien noch ein bisschen mehr. Hier kann ich jedem Menschen nur raten, für sich selbst herauszufinden, was er*sie erreichen will und wie er*sie das angeht, denn wenn wir das Wort ‚Fitness‘ wörtlich übersetzen, heißt es so viel wie ‚Passendmachung‘. Für was man sich passend machen möchte, bleibt einem selbst überlassen.

Ernährung:

Zu diesem Thema wurden und werden mehr Bücher geschrieben, als dieser Artikel an Buchstaben hat, darum werde ich das hier allgemein halten:

In Bezug auf mein Kraftwerkgleichnis sind die Makronährstoffe, also Kohlenhydrate, Fette und Eiweiße, die Baustoffe. Die Mikronährstoffe, also Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente, sind die Arbeitsgeräte, die Nägel und der Zement.

Importiere ich zu wenig oder lasse etwas ganz weg, bekomme ich Probleme. Importiere ich zu viele Baustoffe, muss mein Kraftwerk es erst einmal auslagern. Es wird dann später verwendet, wenn Baustoff knapp wird. Kommt es aber zu keiner Knappheit, wird das Lager nicht leer. Wird immer wieder mehr nachgeschoben, als verbraucht wird, wird das Lager ausgebaut.

Oder anders ausgedrückt: Wäre der menschliche Körper eine Wohnung, dann entsprächen die Kilos den Quadratmetern. Eine Wohnung mit 80m² hat weniger Heizkosten als eine mit 100m². Im Gegensatz zu realen Wohnungen baut der menschliche Körper aber aus, wenn zu viel mit Baustoffen geheizt wird. Wenn ich 80 Kilo wiege, aber so viel esse, als wöge ich 90 Kilo, wird sich mein Körper diesem Gewicht annähern. Dasselbe gilt auch umgekehrt.

Um gesund zu bleiben, gehen Training und Ernährung Hand in Hand, denn wenn ich die Stromrechnung meines Körper-Kraftwerks in die Höhe treibe und auf die richtige, angemessene Baustoffzufuhr achte, werde ich nicht Gefahr laufen, ein Fettlager um meinen Bauch anzulegen.

Zum Schluss noch die Tipps:

Tipp 1: Bewusste Anspannung anstelle von reaktionärer Anspannung

Ich lade zu einem Selbstversuch ein: Liegestütze an der Wand.

Ausgangsposition:

Stellt euch vor eine Wand, eine Armlänge Abstand, Hände auf Brusthöhe, flach an die Wand aufgelegt.

Ausführung: Langsam, bis die Stirn sanft die Wand berührt, dann wieder zurück in die Ausgangsposition. 5 Wiederholungen.

Pausiert kurz und fragt euch: „Welche Muskeln habe ich gefühlt?“

Begebt euch dann wieder in die Ausgangsposition, aber diesmal spannt ihr bewusst Arme, Brust, Bauch, Pobacken und Knie an und versucht, die Spannung zu halten. Haltet die Anspannung so fest, wie ihr könnt. Führt fünf Liegestütze aus.

Pausiert und fragt euch erneut, was für Muskeln ihr gefühlt habt. Ich bin mir ziemlich sicher, die Antwort wird anders ausfallen.

Tipp 2: Regelmäßigkeit, Progression und Überprüfbarkeit

Trainieren ist wie Segeln auf dem großen weiten Meer. Ich kann ein richtig tolles Boot haben (was mein Körper potentiell leisten kann), aber wenn ich nicht weiß, wo ich mich befinde und wo ich hin will, werde ich über kurz oder lang die Motivation verlieren.

Darum ist es in meinen Augen wichtig, sich ein Ziel zu setzen (die Insel, zu der ich hin möchte) und ein Trainingstagebuch (Kompass) zu führen, in denen ich meine Fortschritte aufzeichne. Auf dem Weg zur Insel kann es zu Unwettern (sich verändernde

Lebensumstände) kommen. Auf dem Weg kann mein Boot besser werden (Progression), wodurch es mir nach und nach leichter fällt, mein Ziel zu erreichen.

Um mich selbst als Beispiel zu nehmen: Im Juni 2018 fing ich an, nach Wade’s Trainieren wie im Knast zu trainieren. Mein Ziel war es, einbeinige Kniebeugen zu schaffen. Damals konnte ich Kniebeugen nur gestützt über einem Stuhl ausführen. Im Dezember 2018 waren es schon ganze Kniebeugen ohne Stützhilfen. Am 5. Juni 2019 konnte ich zum ersten Mal einbeinige Kniebeugen ausführen. Ohne Regelmäßigkeit wäre ich nie dahin gekommen. Ohne meinen Kompass könnte ich nicht einmal mehr den Monat nennen, in dem ich es geschafft habe.

Tipp 3: (Für Abnehmwillige) Tägliches Wiegen

Wer sich täglich wiegt, wird schnell feststellen, dass das Gewicht gerne schwankt. Die Antwort: Wassereinlagerungen. Durch hohe Außentemperaturen, Sport, salzreiches Essen oder anderes. Oder auch Essen, das noch verdaut werden muss….

Zum Vergleich: Ein Kilogramm Fettgewebe entspricht um die 7.000 kcal. Um das aufzubauen oder zu verlieren, muss man schon ordentlich beim Essen reinhauen bzw. einschränken.

Ein wesentlich effektiveres Mittel ist es, sich jeden Tag zu derselben Uhrzeit zu wiegen, das Ergebnis schriftlich festzuhalten und wöchentlich einmal den Durchschnitt auszurechnen. Damit kann man auf lange Sicht herausfinden, ob man sein Gewicht hält oder zu- bzw. abgenommen hat.

Beispiel:

Durchschnittsgewicht in der ersten Oktoberwoche 2018: 93,4 kg

Durchschnittsgewicht in der zweiten Märzwoche 2020: 78,5 kg

 


Autistisch – Wortbedeutungen und ihre Konnotationen

 

In meinem Beitrag „Autismus – Der Versuch, die Herkunft eines Wortes zu erklären“ (erschienen in Autismus #88 vom 01.12.2019) hatte ich den Wortgebrauch kurz angeschnitten, aber nicht weiter ausgeführt; daher jetzt dieser Text. Ziel dieses Kommentars soll sein, den/die Leser*in für das Thema Sprachgebrauch zu sensibilisieren.

Letztens las ich auf einem sozialen Netzwerk einen Kommentar zu Instagram. Der Text war an und für sich gut geschrieben, jedoch war es genau ein Satz, der mich zusammenzucken ließ:
„Für mich ist Instagram autistisch, pubertär und narzisstisch…."

Damit Menschen, die nicht von Autismus, aber von etwas anderem betroffen sind, meine Reaktion (und die Betroffener) nachzuvollziehen, bitte ich Sie darum, das Wort ‚autistisch‘ in besagtem Satz durch ‚gehbehindert‘, ‚querschnittsgelähmt‘, ‚geistig behindert‘, ‚depressiv‘, ‚bipolar‘, ‚schizophren‘ oder irgendein anderes Wort, das eine Behinderung beschreibt, zu ersetzen. Bonuspunkte, wenn es eine Behinderung ist, von der Sie selbst betroffen sind.

Warum stört mich das?
Die Antwort liegt in der Konnotation eines Wortes. Das Wort <Konnotation> setzt sich aus den lateinischen Worten <con> (mit/zusammen) und notatio (Anmerkung) zusammen. In der Logik bedeutet Konnotation zusätzliche Begriffsinhalte. Beispielsweise erschaffen Wörter wie <Lösung> jetzt keine Bilder im Kopf, aber Wörter wie <Endlösung> oder <Führer> (Wörter, die vor dem 2. Weltkrieg relativ neutral waren) lassen uns automatisch an das Dritte Reich und die Gräuel des zweiten Weltkriegs denken.

Im Internet sind Menschen oft laut und schreiben gern dumme Dinge. Dazu gehört auch, Menschen als „Autisten“ oder „autistisch“ zu beschimpfen. Damit wird auf die soziale Unbeholfenheit angespielt, welche Menschen mit Autismus üblicherweise haben und implizit darüber lustig gemacht.
Je nach Ausprägung und Erziehung sind wir Autist*innen sozial auffällig, weil wir anders gepolt sind als neurotypische Menschen (Menschen ohne Autismus). Genau das hindert uns daran, an der Gesellschaft teilzunehmen, denn es bedarf viel Übung, Arbeit und Mühe für Autist*innen, um die situationsabhängige und oft wirre Logik hinter neurotypischem Verhalten zu erkennen und sich darauf einzustellen. Und selbst mit gutem Training gibt es immer noch diese Nuancen zwischenmenschlicher Kommunikation, über die wir stolpern.

Es ist schwierig, sich vorzustellen, wie Autismus eine Behinderung sein kann, darum will ich ein greifbares Beispiel verwenden:
Stellen wir uns das Leben als einen Marathonlauf vor, dann sind die sozialen Normen die Voraussetzungen und Regeln, um an diesem Marathon teilzunehmen; also eine bestimmte Lauf-Form (Leistung), Kleidung und Gesundheit. Dieser Lauf wurde für neurotypische Menschen konzipiert. Die Schule soll Menschen dazu befähigen, an diesem Lauf teilnehmen zu können
Autist*innen sind jetzt bei diesem Lauf dabei. Ihre Lauf-Form ist anders, sie beschleunigen, wo sie langsamer machen sollten und können unbeholfen wirken; ihre Kleidung ist nicht unbedingt funktional und ungewollt auffällig und ihre Gesundheit kann darunter leiden. Vor allem, wenn das Training in der Schule nicht läuft.

Allerdings haben sich die Regeln des Marathons bewährt; sodass sie nur minimal abgeändert werden können, aber Hilfen in Form von speziellem Lauftraining, Stilberatung (Soziales Kompetenztraining) und Laufhilfe (Eingliederungshilfe) stehen bereit.

Oder um den Spieß einmal umzudrehen: Wie würde sich ein Nichtautist fühlen, wenn der zitierte Satz lauten würde:
„Für mich ist Instagram neurotypisch, pubertär und narzisstisch…."

Oder „neurotypisch“ oder „neurotypischer Trottel“ im Internet als Beleidigung für Menschen verwendet werden würde?
Ich will damit jetzt nicht aufrufen, Sprachpolizei zu spielen, weil das aufgrund des Sprachwandels sowieso sinnfrei ist. Stattdessen will ich an Angemessenheit appellieren. In meinen Augen aber sollte jemand, der*die „autistisch“ als Beleidigung verwendet, als Prolet abgestempelt werden.


März 2020


„Birnenkuchen mit Lavendel“:  Erfahrungsbericht eines Betroffenen

 Am Sonntag wurde Dank des Netzwerks Gemeindepsychiatrie Kaiserslautern

im Unionskino in Kaiserslautern der Film „Birnenkuchen mit Lavendel

(der Originaltitel „Le goût des merveilles“, wörtlich übersetzt „Der Geschmack der Wunder“) gezeigt.

Der Eintritt war kostenlos.  


Da ich den Inhalt des Films gleich spoilern werde, hier mein spoilerfreies Kurzfazit:

Dieser Film über Autismus (speziell Asperger Autismus) ist der beste Film, den ich bis dato gesehen habe und ich kann ihn uneingeschränkt empfehlen.

 

Der Film spielt in der französischen Provence und konzentriert sich dabei auf Louise Legrand, eine verwitwete Mutter von zwei Kindern, die den Hof ihres Mannes weiterführen möchte, aber ihre Geschäfte gehen schlecht.
Auf dem Rückweg überfährt sie fast Pierre, verletzt ihn und nimmt ihn mit zu sich nach Hause. Pierre gefällt es bei Louise und ihren Kindern; er ist allerdings Asperger Autist und stößt Louise und ihre Kinder hin und wieder mit seinem Verhalten vor den Kopf, macht das aber mit seiner Nützlichkeit wieder wett (so verhindert er zum Beispiel, dass die Birnenbäume erfrieren, gibt dem Sohn Nachhilfe in Mathe und hilft später der Tochter).

Louise erfährt vom Antiquitätenhändler Jules, bei dem Pierre wohnt, über seine Krankheit und was er angestellt hat.
Pierres neuestes Interesse ist Informatik und er hat sich, um Jules ein passendes Geschenk zu machen, auf der Suche nach alten Schriftrollen in das französische Verteidigungssystem gehackt, wurde erwischt und soll nun von einer Psychologin begutachtet werden, um zu entscheiden, ob er weiterhin frei leben darf oder in einer Anstalt leben muss.

Der Film endet damit, dass Pierre Louises Probleme lösen kann und zu ihr und ihrer Familie ziehen darf.

 

Sehr positiv ist in meinen Augen die Darstellung von Autismus.

Vor allem wenn Pierre in einen Overload gerät, kann es der Zuschauer fühlen.
Auch die Dialoge und wie Informationen über Autismus herübergebracht werden, wurden gut gehandhabt, wirken flüssig und natürlich.
Der Film ist lustig, besticht durch sehr schöne Szenen, regt aber auch zum Nachdenken an. Mir persönlich lief ein kleiner Schauer über den Rücken, als Paul später eine Zeitlang in die Anstalt eingewiesen wurde.

 

Die deutsche Synchronisation überzeugt ebenfalls.

Nur der Sprecher von Pierre brachte mich sehr zum Schmunzeln, nicht bloß in seiner Rolle als Pierre, sondern generell.
Denn es ist Till Hagen, die deutsche Synchronstimme von Kevin Spacey.
Ich kenne Hagen aber primär als Synchronsprecher für einen Anime über Kartenspiele und habe die ganze Zeit auf die markanten Sprüche gewartet, die er dort als gebracht hat.
Oder dass er anfängt, über Androiden zu sprechen, weil Till Hagen in der Neuauflage der John Sinclair Hörspiele einen wahnsinnigen Doktor spricht.
Oder über die Abenteuer von Jan Tenner berichtet, weil er in der Neuauflage von Jan Tenner der Erzähler ist.

Das betrifft jetzt aber nur mich und soll dem Film keinen Abbruch tun.


Februar 2020

 


Autismus – Der Versuch, die Herkunft eines Wortes zu erklären

„Ich habe Autismus.“

Oft habe ich es als Betroffener erlebt und erlebe, dass viele Menschen bei diesem Begriff entweder das Gesicht verziehen, einen als verrückt abstempeln oder nachdenklich erscheinen, bevor sie fragen, was Autismus eigentlich ist. Dabei ist es faszinierend, das Wort an sich einmal genauer zu betrachten, weil sich aus seiner wortwörtlichen Bedeutung einiges herauslesen lässt. Trennt man nämlich nach Morphemen (die kleinste bedeutungstragende Einheit eines Sprachsystems), erhalten wir Aut-ismus.

Unter der Endung „-ismus“ versteht man eine Geisteshaltung, eine politische Richtung oder auch eine Lehre. Sie kommt vom altgriechischen „izein“; das heißt, „auf eine bestimmte Art zu handeln.“

„Aut“ wiederum kommt vom altgriechischen „αὐτός“. Es kann substantiviert stehen, dann heißt es „Der Selbe“; es kann attributiv stehen, dann heißt es „derselbe“, es kann prädikativ stehen, dann heißt es „selbst“ und selbst dann sind seine Funktionen noch nicht erschöpft, denn es kann auch als Pronomen verwendet werden, zum Beispiel als Possessivpronomen (was irgendwie passt, denn ich habe erfahren, dass ich für andere ziemlich besitzergreifend erscheinen kann) oder als Personalpronomen für die dritte Person. Dieses „Aut“ bzw. „auto“ ist selbst heute noch in den Sprachen der westlichen Kultur sehr aktiv, weil sich damit neue Wörter bilden lassen. Über Autosuggestion (Selbstbeeinflussung) und Autobiographie (Selbstlebensschreibe) bis hin zu Autonomie (Selbstständigkeit) lässt sich das auch am Lieblingskind der Deutschen beobachten: Während die Engländer und Amerikaner mit „Cars“ und die Franzosen mit „voitures“ unterwegs sind, verwenden Deutsche dafür „Autos“. Da kann man sich eine gute Eselsbrücke basteln: Wer ein Auto hat, ist im wahrsten Sinne des Wortes „selbst“ ständig.

Lange Rede, kurzer Sinn: Autismus heißt wortwörtlich „eine auf sich selbst bezogene Geisteshaltung“. Der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler erschuf dieses Wort ursprünglich, um eines der Grundsymptome der Schizophrenie zu beschreiben; aufgegriffen wurde der Begriff von Leo Kanner und Hans Asperger, die beide unabhängig voneinander Kinder untersuchten. Beide beschrieben unabhängig voneinander Teile von dem, was heute als Autismus-Spektrum zusammengefasst wird.

Asperger nannte von Autismus betroffene Kinder „autistische Psychopathen“; wortwörtlich heißt das so viel wie „auf sich selbst bezogene Gemütsleider“. Auch hier steckt viel drin: Autisten empfinden nicht besser oder schlechter als neurotypische Menschen (neurotypisch = Bezeichnung der Autism-Rights-Bewegung als Bezeichnung für Nicht-Autisten), sondern eben anders. Vergleichen wir das Gehirn eines neurotypischen Menschen mit einem Stromkreis, dann sind die Kontakte eines autistischen Menschen anders miteinander verdrahtet. Dabei fehlen oft Gestik und Mimik, etwas, was Autisten sich aneignen müssen wie neurotypische Menschen Vokabeln lernen.

Gestik und Mimik tragen sehr viel dazu bei, wie Menschen miteinander kommunizieren, sogar noch mehr wie Sprache generell. Für einen Autisten existiert, wenn er kein passendes Training erhält bzw. erhalten hat, nur Sprache; seine physische Eigenwirkung ist ihm meist nicht bewusst. Jedenfalls ging es mir so. Erst, als ich ein paar Bücher gelesen habe, habe ich begriffen, warum zum Beispiel Politiker mehrere Stunden Fahrt auf sich nehmen, um sich gegenseitig zu sehen: Weil die Körpersprache, die Gestik, die Mimik, von den Beinen bis hoch zu den Augen, nur in Natura Aufschluss geben kann, wie das Gesagte gemeint ist. Oder von einem anderen Blickwinkel betrachtet: Menschen haben zwei Triebfedern: Die Emotionale und die Rationale.

Die Emotionale steht bei Nicht-Autisten im Vordergrund und die Rationale ist ein Werkzeug. Bei Autisten ist es umgekehrt. Ein Beispiel: Ein Nicht-Autist will Technik studieren, weil er Maschinen konstruieren will, um armen Menschen zu helfen. Dabei dient die ganze Mathematik und Technik als Werkzeug, damit er sein emotionales Ziel (die Maschinen für die armen Menschen) erreichen kann.
Ein Autist will Technik studieren, weil ihn Technik und Mathematik einfach nur faszinieren und er sich stundenlang damit beschäftigen kann. Es ist ein Abtauchen in die schöne Welt der Zahlen und Logik. Emotionen hat er zwar auch, doch die Rationale steht im Vordergrund. Er hat zwar auch ein Ziel (mehr Wissen aneignen), aber es kann sein, dass er das Ziel nur um des Zieles willen verfolgt und sein Wissen praktisch nicht anwenden will oder kann.

Abschließend noch zum Wortgebrauch: Genauso wie ‚Psychopath‘, werden „Autismus“ und „Autist“ im Internet sehr gern als Beleidigung verwendet, oft, um jemanden zu beschreiben, der sozial unbeholfen ist oder sich richtig tief in etwas hineinsteigern kann. Beides ist beleidigend gegenüber echten Autisten, da die soziale Unbeholfenheit ein Problem ist, das je nach Ausprägung und Sozialisation ihr ganzes Leben beeinflusst, während das Letztere sich über die Spezialinteressen lustig macht, die Autisten haben. Aber gerade in besagten Spezialinteressen steckt ungeheures Potenzial: Wenn sich zum Beispiel die Mutter den Computertechniker sparen kann, weil Sohnemanns Spezialinteresse Technik ist und den Laptop repariert, kann man sich zum Beispiel glücklich schätzen. Oder wenn der Autist mit Spezialinteresse Onkologie ein Mittel gegen Krebs entwickelt...

Summa Summarum ist Autismus eine riesige Chance, die genutzt werden und nicht unterdrückt werden sollte.

Zu meiner Person:
Ich selbst bin Asperger-Autist, war ein U-Boot-Kind (Kind, bei dem feststeht, dass es etwas hat, aber bei dem die Eltern nichts tun) und bin nach zwei praktischen Ausbildungen und einem Studium nun als EUTB-Teilhabeberater beim Seelentröpfchen in Kaiserslautern tätig. Zu meinen Spezialinteressen gehören neben Krafttraining und Ernährung auch alte Sprachen wie Latein und Altgriechisch.

Als Kind und Erwachsener wurde mir von meinen Eltern eingeschärft, meinen Autismus geheim zu halten, weil man mich sonst, ich zitiere, „auf die Dummenschule“ verfrachtet und „in die Werkstatt“ abgeschoben hätte. Etwas, was ich nicht mehr mache, weil es erstens sinnlos ist und zweitens, weil ich dank meiner Lebenserfahrung gelernt habe, wie schädlich es für einen Autisten sein kann, wenn seine Behinderung nicht berücksichtigt und bewusst verdrängt wird.

Es ist in unserer Gesellschaft selbstverständlich, dass von einem Rollstuhlfahrer nicht erwartet wird, einen Marathon zu laufen; ebenso sollte es selbstverständlich sein, dass Autisten besondere Bedürfnisse haben und von Zeit zu Zeit Rückzugsorte brauchen. Ich bin dafür, dass wir uns dafür einsetzen, dass die Bedürfnisse von Autisten auch so selbstverständlich umgesetzt werden.

Stephan Riedl

Quelle:
1. http://www.heyderw.de/autismus/au_was.html
2. https://autismus-kultur.de/autismus/autipedia/autismus-spektrum-glossar.html

14 August 2019